Mein POLENAUSTAUSCH –  Ein persönlicher Bericht

Tja, was war das für ein Gefühl nach Polen zu fahren? Auf jeden Fall ein anderes als bei einer Fahrt an die Côte d’Azur! Man hat eigentlich nie den Eindruck, Polen sei ein „ganz normales“ Land. Sollte jemand mit Vorurteilen hingefahren sein, dann müssten sie jetzt völlig weg sein!

 


ZITATE  von Polenfahrern:

„Alle haben sich bemüht mit mir Deutsch zu sprechen“. „Meine Familie hat dafür extra die
Oma geholt“.

„Verständigungsschwierigkeiten gab’s keine. Und im Notfall gab es ja noch Lukas!“
(L. = polnisch sprechender deutscher Teilnehmer)

„Von wegen ‚andere Mentalität’ – wir haben uns sofort total gut verstanden!“

„Ich habe mich direkt zu Hause gefühlt.“

„Die Familie war so freundlich und herzlich!“

„Es gab ständig und überall zu essen! Der Kuchen war aber auch lecker!“

„Das glaubt mir in Deutschland keiner, dass ich gar nicht weg wollte.“

„Wir haben unglaublich viel gelacht.“


Nach einer anstrengenden, aber mindestens ebenso lustigen Bahnfahrt trafen wir samstags spät in Katowice ein. Wir sahen unsere Austauschschüler auf dem Bahnsteig stehen und fühlten uns sofort wie zu Hause! Ich wurde von Bartek und seinem Vater abgeholt. Ich hatte Bedenken, dass die Fahrt sehr schweigsam sein würde, aber dem war nicht so. Ich betrat mein „zukünftiges Zuhause“ und das Erste, was ich sah, war ein quietschfideler Hund! Wir saßen noch mit den Eltern zusammen; es war ein tolles Gespräch, auch wenn Bartek mir ein bisschen Leid tat, da er alles übersetzen musste.

Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, war das Frühstück schon gemacht. Wir aßen alle gemeinsam, und danach galt es das Schloss von Pszczyna zu besichtigen. Es ist ein wirklich anmutiges Schloss mit vielen schönen Einzelheiten. Anschließend ging die gesamte Gruppe

in eine Art Kneipe, die im Keller eine offene Feuerstelle hatte, an der wir unsere „Krakauer“ Würstchen brieten. Es war ein sehr lustiger Nachmittag. Später zeigten uns die Polen noch den Schlosspark. Wie konnte es anders sein: es wurde wieder total lustig, und wir kamen unseren polnischen Freunden wieder ein Stück näher.

Montags war es dann soweit. Alle wollten hin, es unbedingt sehen, und doch hatten alle auch ein wenig Angst: Auschwitz und Birkenau. Schon während der Fahrt war die Stimmung gedrückt. Keiner wusste, was ihn erwartete. Jeder überlegte für sich, wie er mit dem Kommenden umgehen würde. Wir fuhren zuerst nach Auschwitz, das heute als Museum dient. Uns erwartetete das wohl Bedrückendste, das wir je gesehen hatten. Das alles hat unsere Nation gemacht! Diese präzise Vernichtungsmaschinerie hat sie gebaut! Erschreckend waren die Präzision und die Bürokratie, mit der alles ablief. Es ist einfach unbegreiflich, dass auf diesem Boden 1.500.000 (eineinhalb Millionen) Menschen ihr Leben auf Grund einer total bescheuerten und fanatischen Ideologie verloren. In den Gängen der Blocks hängen zahllose Photos, die bei der Ankunft aufgenommen wurden. Es war schockierend, die Toten nun an Gesichtern festmachen zu können. Die Menschen verloren bei der Ankunft im Konzentrationslager ihren Namen und wurden zu Nummern. Es waren viele Einzelheiten, die mich schockierten, so z.B. Fahrkarten: die Menschen mussten ihren Bahntransport selbst bezahlen; man bezahlte für seine eigene Fahrt in den Tod! Nach 2 ½ Stunden Auschwitz fuhren wir dann weiter nach Birkenau. Ich wusste, dass es groß ist, aber diese Ausmaße überschritten meine Vorstellungskraft! Wir besichtigten ein paar der Baracken, in denen die Menschen leben mussten, auch total entwürdigende „Sanitäranlagen“. Wir gingen über die so genannte Rampe, an der die Menschen, meist Juden, für „arbeitsfähig“ und „arbeitsunfähig“, erklärt wurden. Die Arbeitsunfähigen mussten sofort in die Gaskammern. Die anderen wurden auf die Baracken verteilt und zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen.

Auschwitz war die Hölle auf Erden und darf niemals vergessen werden! Das kann nur durch Ignoranz geschehen. Und solche Ignoranz darf es nicht geben.

Am späten Nachmittag gingen wir zurück in die Familien. Gerade heute sollte ich Oma und Opa kennen lernen! Ein wenig Angst hatte ich schon vor dieser Begegnung. Schließlich wusste ich ja nicht, ob sie mich auf den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich ansprechen würden. Aber dem war nicht so! Ich lernte ein sehr herzliches und liebevolles älteres Ehepaar kennen, bei dem ich von Anfang an das Gefühl hatte, dass sie mich ins Herz geschlossen hatten. Nun ja, viel, viel superleckeren Kuchen gab es auch …

Dienstags rief dann der Berg. Zunächst sollten wir alle im Schweiße unseres Angesichtes den Berg hinaufkraxeln, doch die Erlösung kam in Form eines Minibusses, der uns alle (aus Zeitmangel!) nach oben chauffierte. Oben erwartete uns dann eine wunderschöne Aussicht –

und eine nette, urige Kneipe. Sie war sehr einladend, und dort nahmen wir auch unser Mittagessen ein. Nach knapp zwei Stunden ging es zu Fuß wieder hinab.

Am nächsten Tag stellten wir uns gegenseitig in kleinen Rollenspielen unsere Schulord-nungen vor. Dabei gab es interessante Unterschiede; so müssen polnische Schüler immer ein Namensschild, den „identifykator“ tragen, und sie müssen sich „anständig“ kleiden – sonst müssen sie wieder nach Hause zum Umziehen! Über unsere deutsch-polnische „Traumschul-ordnung“ waren wir uns dann aber schnell einig; z.B. können danach Schüler langweiligen Unterricht verlassen! Zu guter Letzt sangen wir dann noch Lieder in der jeweils anderen Sprache, die wir uns gegenseitig beigebracht hatten – für uns der reinste Zungenbrecher!

Donnerstags nahmen wir am Unterricht teil. Es wurde rasch klar, dass der Unterricht disziplinierter war als in Deutschland. Beim anschließenden Test mussten wir Fragen über das andere Land beantworten – da gab’s auf beiden Seiten ähnliche Schwierigkeiten!

Später schickte uns eine Stadtrallye durch ganz Pszczyna. Jetzt kennen wir die Stadt wie unsere Westentasche! Im Rathaus wurden wir vom Bürgermeister mit Kuchen und Getränken empfangen und zu unseren Eindrücken befragt. Er möchte nämlich Pszczyna für Touristen attraktiver machen und war sehr an unserer Meinung interessiert.

Am letzten Abend trafen wir uns an einem See um zu grillen. Es wurde ein sehr schöner Abend, aber auch ein sehr trauriger, da alle an den Abschied denken mussten.

Zunächst konnte ich die Tränen ja noch zurückhalten, aber im Zug …

Den letzten Tag sollten wir in Krakau verbringen. Es stand ein langer Marsch mit einer ebenso langen Stadtführung an. Das jüdische Viertel war am interessantesten; wir schauten uns u.a. eine alte Synagoge und den Friedhof an. Abends gingen wir in ein „koscheres“ Restaurant mit „jiddischer“ Live-Musik. Dann folgte der endgültige Abschied von Polen.

Diesen Austausch kann ich guten Gewissens als den besten bezeichnen! Nicht einfach Austauschpartner – Freunde haben wir gefunden! Diese Menschen sind mir in kurzer Zeit so ans Herz gewachsen, dass es richtig weh tat sie zu verlassen. Ich bin der Meinung, niemand darf über Polen urteilen, wenn er noch nicht da war. Dieses Land hat die Vorurteile und die Schmach nicht verdient, die ihm entgegengebracht werden. In dem Land, das ach so fern ist, leben Leute wie hier – nur dass sie aufgeschlossener sind und warmherziger! Ich kann meine Gefühle nicht in Worte fassen. Nur so viel: Pszczyna – es war nicht das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben!